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| Die Geschichte des Kindes in der Neuzeit
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Notwendige Korrekturarbeit
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Alle meine Rezensionen ansehen (#1 HALL OF FAME REZENSENT) (TOP 50 REZENSENT) (REAL NAME) Rezension bezieht sich auf: Die Geschichte des Kindes in der Neuzeit (Gebundene Ausgabe) Solange nichts auf der Fahrbahn steht und der Kurs stimmt, gibt es keinen Grund, das Steuer herumzureissen. Dass dies auch in Wissenslandschaften so ist, wurde mir wieder einmal mit diesem Buch bewusst. Wurde beim gehobenen Smalltalk das Feld "Kindheit früher und heute" gepflügt, plapperte ich geflissentlich nach, was ich vor über dreissig Jahren bei Philippe Ariès gelesen hatte. Und da die Zuhörer Ariès nicht kannten, vergassen oder sich ganz einfach nicht auf intellektuelle Scheingefechte einlassen wollten, blieb jeder Widerspruch aus. Doch wie der englische Historiker Hugh Cunningham im Vorwort betont, hat mit Arès die Erforschung der Kindheit erst richtig begonnen. Und was die folgende Bücherflut wegschwemmte oder an die Oberfläche treiben liess, ist der Gegenstand von Cunninghams Buch. Die "Neuzeit" beginnt für Historiker übrigens um 1500, was mich bis heute verwirrt. Wie Kinder in der Antike aufwuchsen und was Erwachsene damals als Kindheitsperiode betrachteten, wird im ersten Kapitel dennoch zusammengefasst.
Historiker, die ein Buch verfassen, stehen immer vor dem schwierigen Entscheid, ob sie ihre Kollegen oder die akademische Aussenwelt begeistern wollen. Unglücklicherweise entscheiden sich die meisten für beide Zielgruppen. So auch Cunningham. Das hat die unvermeidbare Folge, dass Verweise, Quellenangaben, Zitate und Details den Lesefluss hemmen. Und wer schon einmal mit der Aufgabe bestraft wurde, periodische erscheinende Statistiken zu kommentieren, kennt die sprachliche Sysiphusarbeit, ähnliche Textbausteine einigermassen leserfreundlich miteinander zu verbinden. Kurz: Nach dem fulminanten Beginn wird die Lektüre immer zähflüssiger. Hugh Cunningham gehört leider nicht zu wenigen Ausnahmen, die Sprachkünstler und Wissenschaftler zugleich sind. Allerdings wäre es auch am Lektor gelegen, den englischen Historiker zur Anwendung bewährter formaler Tricks zu motivieren. Allein kurze Zusammenfassungen am Ende eines Kapitels würden die Lesefreundlichkeit stark erhöhen.
Inhaltlich liefert dieses Buch so viel, dass ich seine formalen Mängel nur mit dem Abzug eines einzigen Sterns sanktioniere. Hugh Cunningham zeigt, wo die aktuelle Erforschung der Kindheit steht, was vom bisherigen Wissen übernommen und was revidiert werden sollte, welche Mythen sich noch immer hartnäckig halten und welche Einflüsse unser Verhältnis zu Kindern prägen. Mit Genugtuung nahm ich zur Kenntnis, dass auch Cunningham die Meinung teilt, der Mensch verändere sich weniger, als uns immer wieder eingehämmert wird. Auch in der Antike und im Mittelalter weinten die Mütter um ihre gestorbenen und geschundenen Kinder. Auch in früheren Jahrhunderten wurden Kinder nicht über Nacht erwachsen. Auch früher wollten Kinder lieber spielen als arbeiten und zur Schule gehen. Doch unvorstellbare ökonomische Zwänge, katastrophale hygienische Verhältnisse, völlig andere demographische Entwicklungen und religiöse Machtstrukturen führten zu Wahrnehmungen und Verhaltensmuster, die uns heute völlig fremd oder absurd vorkommen. Nichts da, mit der guten alten Zeit. Trotz aller persönlichen Schwierigkeiten war ich immer froh, dass meine behinderte Tochter im 20. Jahrhundert zur Welt kam. Würden nostalgische Kulturpessimisten, die gerne im Sozialkitsch schwelgen, Hugh Cunninghams Buch aufmerksam lesen, würden die Fundamente ihrer akademischen Luftschlösser schnell brüchig. Die besonders hartnäckigen Realitätsverweigerer könnten allerdings eine Schwäche des Buches nutzen und darauf verweisen, das Quellenmaterial würde die Verhältnisse im deutschsprachigen Raum zu wenig berücksichtigen. Das trifft zwar zu, ändert aber an den grundsätzlichen Erkenntnissen und Einschätzungen des Autors wenig.
Mein Fazit: Hugh Cunningham gibt in seinem Buch den aktuellen Stand der Forschung wieder und weist uns so auf Irrtümer hin, die sich seit dem Erscheinen von Philippe Ariès' "Geschichte der Kindheit" hartnäckig halten können. Da der Autor kein populärwissenschaftliches Werk verfassen wollte, muss man sich als Leser mit einer Sprache anfreunden, die trockener als der Inhalt ist. Vom Zwang befreit, jedes Wort und jeden Satz lesen zu müssen, macht die Lektüre dank der spannenden Erkenntnisse wieder Spass.
Eine Rezension von Ein Kunde
vom 21. November 2006 | | |
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